Dynamik und Momente der Einkehr

Ottersberger Kammerorchester begeistert mit Sommerkonzert in der Fischerhuder Kirche

VON HANS-DIETER MAHLSTEDT

Fischerhude Die Fischerhuder Kirche wird allmählich zu klein für das Ottersberger Kammerorchester. Die drei vorderen Bankreihen mussten beim Sommerkonzert im Hause „Unserer Lieben Frauen" zusammen geschoben werden, um dem angewachsenen Ensemble im Altarraum die nötige Bein- und Bogenfreiheit zu verschaffen. Leiter Clive Ford freute sich ganz offensichtlich über den zwischenzeitlichen Zuwachs in der Bläserabteilung, wo mehr Fagott, Oboe und Hörn für opulenteres Klangvolumen sorgen.
Wer vor Konzertbeginn nichts von diesen Veränderungen wusste, wurde gleich im ersten Stück des Abends, der unvollendeten siebten Sinfonie Franz Schuberts, von hinzu gewonnener Klangkraft überrascht. Wie Blitz und Donner fahren hier im Allegro moderato des ersten Satzes die dissonanten Bläser in die liebliche Melodie des Hauptthemas, das in seinem eingängigen, volksliedhaften Charakter zur großen Popularität dieser Sinfonie beigetragen hat: Das melodiöse Wegprofil einer entspannten sommerlichen Fiakerfahrt in den Donauauen, die von jähen Gewitterschüben bedroht ist.

Kraftvolle Dynamik und Power

Was die Ottersberger Kammermusiker hier bieten, ist schon richtig großes Orchester. Ist die feine Nuancierung von getragener Innigkeit im Wechsel mit kraftvoller Dynamik und zupackender Power, die das über 30-köpfige Ensemble in sinfonischer Klangfülle erfahrbar macht. Ein ganz filigranes Holzblasinstrument dagegen gibt den Ton an im anschließenden Concerto F-Dur für Sopranblockflöte und Orchester von Giuseppe Sammartini (1695-1750). Wer sich an seine eigenen ersten musikalischen Übungen und störrischen Interpretationen von „Fuchs du hast die Gans gestohlen“ erinnert, weiß, wie unmittelbar empfindlich dieses unscheinbare Instrument auf falschen Fingerdruck reagiert.
Umso faszinierender und unbegreiflicher ist die Virtuosität, mit der Catrin Cramme als Solistin den barocken Coloraturen folgt und auch bei Höchstgeschwindigkeit keinerlei falsche Tonschwingung produziert. Ein absolutes Hörerlebnis, sowohl hinsichtlich solistischer Finesse als auch im gemeinsamen Orchesterklang.
Die ersten Minuten nach der Pause dann sind dem langjährigen, im Herbst des vergangenen Jahres verstorbenen Orchestermitglied Dieter Guderian gewidmet. Ein Quartett des Orchesters spielt in seinem Angedenken „Farewell to the angels" von Edward Elgar. Minuten des sich Erinnerns und der Einkehr angesichts eines Musikstücks, das ergreift, ohne einer klischeehaften Sentimentalität anzuhängen. Edward Elgar (1857-1934) und Frederick Delius (1862 -1934), die beiden nächsten offiziellen Programmpunkte, verbindet nicht nur der beinahe identische Lebenszeitraum. Auch der Gestus ihrer Kompositionen in der Aufführung des Ottersberger Kammerorchesters hat Berührungspunkte. Weit und elegisch schwingen die Streicher wie in einem zirkulierenden Luftstrom, der Anfang und Ende der Melodiebögen immer der aufnimmt und vor sich her trägt. Elgars „Chanson de nuit" kann man als düstere Meerfahrt in schwarz und grau empfinden, mit einem Streifen weißen Lichts am Horizont. Anfang und Ende scheinen sich hier aufzuheben. Rettende Leuchttürme mit gleich bleibenden, wiederkehrenden Melodiesignalen als Orientierungshilfen sind hier nicht installiert. Wer das braucht, kann sich am Schluß des Konzerts in die schützenden und in klassischer Manier Form gebenden Hände von Joseph Haydn fallen lassen. Sein lebensfrohes Finale Allegro con spiritu der Sinfonie Nr. 88 gestaltet das toll aufspielende Ottersberger Kammerorchester mit Herz und Tempo, bevor es nach großem Schlussbeifall abschließend die „Leichte Kavallerie" von Bizets Carmen blitzsauber durch das Kirchenschiff galoppieren lässt.